Traum - Vision- Plan

Der Traum

 

Fernweh

Wie immer, wenn wir daheim sind, sehnen wir uns nach Afrika. Wir sind infiziert vom Virus. Afrika hat uns verändert, uns zu Einsiedlern gemacht, uns den Wert von Ruhe, Weite und Kleinem aufgezeigt. Wir fliehen die Massen und die Oberflächlichkeit unserer Umgebung noch viel mehr als früher. Wir träumen davon, an den für uns schönsten Orten der Welt (beispielsweise St. Lucia und überhaupt Kwa Zulu Natal) unter einem Baum zu sitzen und die Vögel oder andere Tiere zu beobachten. Einfach Zeit und Ruhe. Die Sehnsucht kommt von unseren Reisen. Insgesamt verbachten wir schon mehrere Jahre, zerschnitten in kurze Wochen- oder Monatsaufenthalte, im südlichen Afrika. Immer war die Zeit zu kurz, die Strecke zu lang, der Abschied schwieriger als die Freude, nach Hause zu fliegen. Eine Auszeit von Maya dauerte viereinhalb Monate und hatte grosse Konsequenzen: das Einreisevisum von 90 Tagen gilt nur, wenn man direkt per FLugzeug einreist und wird bei Wiedereinreise nicht wie erwartet erneuert - damit ging die Rechnung nicht auf und der Plan musste geändert werden: Einflug - direkte Ausfahrt nach Zimbabwe - Botswana - zurück nach Südafrika (Manfred fliegt zur Arbeit). Maya verbringt sechs Wochen in Kwa Zulu Natal, vier davon als Volunteer bei WildlifeACT, Manfred kommt zurück, erhält ein neues Visum und zusammen wollen wir sieben Wochen durch die Kgalagadi wieder durch Botswana und Namibia tingeln.

 

Aus dem Paradies verbannt

An der Grenze erfahren wir, dass ich bereits drei Tage über meiner Visadauer im Land bin. Das ist übel, ein Jahr Sperre wird mir angedroht. Noch übler aber ist, dass niemand eine konstruktive Lösung für das Problem hat. Wir bleiben also in Südafrika und besuchen Ämter hier und da, füllen Formulare aus, bemühen uns, bezahlen für die Einreichung der Anträge die geforderten Summe, hören nichts. Wir geniessen neue Landschaften Südafrikas ganz in Ruhe, denn Zeit haben wir ja genug. Dank des vorhandenen Internets bewerbe ich mich für eine neue Stelle, führe aus einer Hotelbar ein Vorstellungsgespräch, fülle in einem anderen Hotel -dort hat man stabileres Netz - ein Assessment aus. Langweilig wird uns also nicht. Schliesslich kommt der Tag der Ausreise, wir sind nun ziemlich angespannt. Der Pass geht unter den Scanner. "kommen Sie mit", sagt der Beamte. Im kleinen Räumchen wird mein Pass gestempelt und ich erhalte ein Formular, das ich unterschreiben muss. Für 5 Jahre bin ich aus dem Land verbannt, die Einreise ist mir verwehrt bis Februar 2021. Doch immerhin kann ich ein Wiedererwägungsgesuch stellen. Selbstverständlich mache ich das innert der Frist von zehn Tagen. Weder darauf noch auf die unzähligen Mails, die ich später schreibe erhalte ich je irgendeine Antwort. Doch immerhin den neuen tollen Job der mich sehr fordert.

Sehnsucht 

Düster, kalt und grau ist der Winter in der Schweiz. Eine kleinere Krise bei der Arbeit tut das Übrige: Nichts wie fort möchte ich. Und bin damit nicht allein. Wie wäre es toll, alles hier hinter sich zu lassen, das findet auch Manfred. Doch wir stehen mitten im Berufsleben.

Arbeiten in Afrika? Das wäre doch etwas! Das Studium von Organisationen und Engagements führt uns zu Interteam. Entwicklungszusammenarbeit, das tönt doch gut. Frühzeitig in Pension gehen mit 58 Jahren, sich für drei oder allenfalls schliesslich sechs Jahre engagieren, das wäre noch einmal ein Berufsabenteuer - allein oder zu zweit, das wäre Herausforderung und Spass.

Manfred hört zu, interessiert, kritisch, sagt vorderhand nichts, ich besorge Informationen und lese mich durch die Berichte von Projektmitarbeitenden in Afrika. Der Traum lässt mich nicht los, weder im Alltag noch in den Ferien. Er bringt Entspannung und Spannung, Flucht und Verbundenheit, Zusammenhalt und Einsamkeit.

Die Vision

"Ja, die Idee für längere Zeit nach Afrika zu gehen ist gut" meint Manfred schliesslich. "Aber dort zu arbeiten finde ich nicht sehr attraktiv, man müsste einfach Zeit haben und reisen können. Wenn wir uns das leisten könnten, wäre das der Traum! Wir müssen  das Leben leben, so lange wir gesund und fit sind." Das hat uns die letzte Zeit gelehrt, in welcher wir sehr nahe Freunde beerdigen mussten, die zu wenig Lebenszeit gehabt hatten, um ihre Träume zu leben.

Für Manfred beginnt eine Zeit des Rechnens. Eine Exceltabelle wurde erstellt und mit Zahlen von Pensionskassen- und Altersvorsorge- Ein- und Auszahlungen gefüttert, Szenarien erdacht und verworfen, ein Budget mit den Lebenskosten erstellt. Unser Traum wird in Fakten verpackt, erhält Form und wird immer wieder geschärft. Das Hier und Jetz in unterschiedlichen Varianten weitergedacht - vermieten wir unsere Wohnung, verkaufen wir und kaufen etwas Neues, das wir vermieten? Schliesslich entscheiden wir uns für die Freiheit. Wir wollen verkaufen - nur so können wir uns auch den Traum erfüllen, aber uns hier nicht festkrallen. Loslassen und gehen. Wiederkommen und neu beginnen, den Gegebenheiten,Wünschen und Bedürfnissen entsprechend, die wir zu diesem Zeitpunkt haben. Wer weiss, ob wir gesund zurückkommen oder ob unser Daheim zu diesem Zeitpunkt ganz anderes aussehen muss, also wir es vor der Abreise kaufen würden. 

Der Plan

Irgendwie ist alles anders, wenn man eine klare Perspektive hat . Die Arbeit wird lockerer, sie dauert ja nicht ewig, man kann bei Ärger in Träume fliehen, doch der Wille, Ziele zu erreichen und etwas zu bewegen, vor man geht, motiviert zu höchster Leistung. Wir gehen sehr transparent mit unseren Ideen um, erwarten immer Widerstand oder im Minimum, dass wir als Spinner klassiert werden. Das passiert aber selten, wir hören immer wieder, dass wir doch genau das richtige planen.

Unser Vorhaben ist radikal: Wir wollen unsere Eigentumswohnung verkaufen, den Haushalt auflösen, ein geländegängiges Fahrzeug erwerben und mit einer Wohnkabine ausstatten und alles hinter uns lassen - für unbestimmte Zeit. Sicher ist: wir wollen in Afrika starten. Noch können wir nicht abschätzen, ob wir dorthin fahren wollen und die Reise damit zu Hause und auf vier Rädern beginnt, oder ob wir das Fahrzeug verschiffen und zum Startpunkt, beispielsweise in Walvisbay, Namibia, starten wollen. Dies scheint aber auch nicht wichtig im Moment, andere Prioritäten herrschen vor: welches Fahrzeug, welcher Ausbau, wie können wir alle Versicherungsfragen lösen, wo wird unser Wohnsitz sein, bei welcher Bank können wir ein Konto behalten, unter welchen Bedingungen, welches Nummernschild wird unser Fahrzeug tragen?

Unsere Ferien, ein Monat als Selbstfahrer in Zambia und Zimbabwe, erhält eine neue Dimension. Rund tausend Tage vor dem Stichtag wird der Urlaub zur Prüfung unseres Plans: können wir, wollen wir, klappt das? Die Art der Reise verändert sich, wir sagen uns immer wieder " das können wir ab 2020 in aller Ruhe tun". So bleiben wir länger am selben Ort, nächtigen nicht nur in Nationalparks und geniessen auch die Ruhe und das Bleiben an Ort. Schlussendlich gehen wir mit dem Gefühl heim, dass wir das wirklich wollen, 100 prozentig. 

is anhin waren wir in Afrika immer mit Mietautos, meistens mit Toyota Hilux unterwegs, wir lieben das Dachzelt, das Kochen und Leben im Freien. Darauf wollen wir nicht verzichten. So landen wir beim Toyota Land Cruiser mit Kabine und Dachzelt und starten mit dem Durchforsten von näheren Auskünften dazu. Schwierigkeiten zeichnen sich ab: Euro 5 funktioniert nicht mehr, der Euro 6 Dieselsausbau ist so kompliziert, dass es sich nicht mehr mit dem Wunsch von möglichst einfachem Bau und entsprechend überall durchführbarer Reparatur entspricht. Neue Einfuhrreglemente zeichnen sich ab, einige Hürden warten. Wir möchten einen Schweizer Fahrzeugausbauer berücksichtigen, obwohl es mit dem Euro bei einem Partner in Deutschland besser aussähe. Leider finden wir uns nicht, wir scheitern am Tempo und der Art der Offerte, die uns eigentlich nichts sagt. Schliesslich lassen wir das sein und verfolgen den Plan B mit Deutschland. Nun drehen sich unsere Gespräche um Portapotti, Kocher für innen und aussen, Farbgebung und die Strapazen, die fehlende Geduld mit sich bringen. 

Loslassen und Vorausschauen

Der Wandel beginnt in unseren Köpfen. Der Abschied erfolgt täglich und stetig. Materielles erhält einen neuen Wert: brauchen wir das wirklich? Lohnt es sich für die kurze Zeit? Das Alte tut's doch noch. Können wir das nachher mitnehmen, brauchen?

Wir werden unseren Lebensraum von einigen hundert auf ganz wenige Quadratmeter reduzieren. Was wir dabei haben werden wir wirklich benötigen, kein Ballast ist mehr möglich. Die Werte und Haltungen verändern sich schleichend.

Der Verkauf unserer Wohnung ist ein grosser und schwieriger Schritt. Doch wir haben sie schon beim Kauf vor zehn Jahren als Kapitalanlage gesehen, als Heimat auf Dauer und als Schritt nach vorn. So lassen wir ihren Wert schätzen, setzen uns mit Verkausfsmethoden auseinander und erarbeiten schliesslich einen Zeitplan und eine Website, mittels welcher wir schliesslich informieren und verkaufen wollen. Wir wählen das Bieterverfahren, denn der Erlös muss uns für lange Zeit sichern und ernähren. Fotos und Drohnenaufnahmen werden gemacht und eine Website erstellt, der Zeitplan berechnet und der Jahresplan darauf abgestimmt - Ferien müssen ja trotz allem sein. 

Spannend ist die Reaktion unseres langjährigen Bankberaters. Durch Geldwäschereigesetzte und internationale Abkommen ist es fast unmöglich, als Schweizer ohne festen Wohnsitz ein Bankkonto zu haben. Wir werden unser Geld also verstecken, verteilen und im Ausland parkieren müssen und natürlich anlegen, so dass es auch noch ein wenig für uns arbeiten kann.

Unsere Träume werden konkreter. Wir nähren sie mit den Reiseberichten von Freunden, die unterwegs sind, mit den Posts auf ioverlander, mit Lesestoff rund um unsere Routenmöglichkeiten. Eigentlich sind wir bereits Fremde im Hier und Jetzt, abwesend obwohl da, in einem Leben in Leichtigkeit und Vorfreude, das aber viel Geduld erfordert...

Spannend sind aber vor allem auch die Themen des eigenen Ich, die umtreiben. Seit jeher sind wir Arbeitstierchen, Engagierte, Macher. Es reizt entsprechend, die Zeit zu planen, zu füllen, mit einem Sinn und allenfalls einem Verdienst zu versehen. Ein Projekt sollte man haben - oh nein, ist ja gar nicht nätig, man darf ja dann geniessen und muss nicht mehr verdienen. Funktioniert das, kann man das, einfach sein und nicht mehr müssen? Genau das gilt es auszuprobieren und das Geniessen neu zu lernen. Dennoch werden wir gemeinsam und je allein Projekte verfolgen. Für Manfred ist das Fotografieren und die Bildbearbeitung wichtig, sie wird viel Zeit beanspruchen. Maya will schreiben. Bis anhin kamen auf den Reisen die Bewegung und die Menschen zu kurz. Also gilt es, zu Fuss unterwegs zu sein, Menschen zu begegnen und mit ihnen zu reden. Von ihnen lernen und hinter die Fassaden sehen, Portraits in Bild und Sprache, das tönt doch gut. Ein Drucker soll mit, um den Menschen, die wir treffen ein Bild von sich selbst hinterlassen zu können.

Und die Beziehung? Tag für Tag, Stunde um Stunde auf einigen wenigen Quadratmetern - schafft man das? Was wenn man geteilter Meinung ist, am liebsten umdrehen möchte - aber nicht einmal ein Daheim hat, zu welchem man zurückkehren kann? Wir arbeiten auch da Szenarien aus, die uns nicht einengen. In ein Flugzeug steigen ist die eine, radikale Variante. Aber auch eine Auszeit durch eine Tätigkeit als Freiwillige mittel der Organisation workaway kann ins Auge gefasst werden. Oder für einige Tage oder Wochen eine feste Unterkunft mieten, die es erlaubt, etwas mehr Raum zu haben. Unsere Erfahrungen aber waren eigentlich so, dass wir unsere Meinungsverschiedenheiten immer innert Kürze regeln konnten, dies ist unsere bevorzugte Variante. Dennoch, es tut gut, das durchgedacht zu haben - auch das gibt Freiheit.

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