• Maya von Dach

Schwangerschaft mit Komplikationen

Wie lange die Tragzeit für ein Bushbaby unserer Art dauert, ist nach wie vor ungewiss. Sie fühlt sich aber genau so an, wie sich eine Schwangerschaft anfühlt: Endlos. Die Ungeduld steigt, man steht vor tausend Entscheidungen und weiss gar nicht, wo beginnen, weil man sich ja alles noch gar nicht richtig vorstellen kann. Die Bushbaby-DNA kennen wir seit einigen Wochen: ein ellenlanger Wurm aus Zahlen und Buchstaben, offiziell Chassisnummer genannt.


Knappe 400 Tage bis zu meinem Arbeitsaustritt zeigt der Countdown noch, rund 500 Tage dürften es sein, bis auch Manfred aus seiner Stelle aussteigt und wir tatsächlich unterwegs sind. Oktober 2020. Als wir den Zähler bei 1027 Tagen stellten, schien alles noch kaum realistisch, nun wird alles greifbar, obwohl so vieles offen ist. Mein Geburtstag hatte für mich nie grosse Bedeutung. In diesem Jahr feiere ich ihn aber tatsächlich ein wenig bewusster: 2020 erfülle ich das 58. Lebensjahr und erreiche damit den frühesten Zeitpunkt, um eine Pensisonskassenrente zu beziehen - dann unser einziges Einkommen, das Leben werden wir aus dem Ersparten bestreiten.


Unsere Wohnung ist inseriert, ein klarer Zeitplan ist vorgegeben und auf der Website sichtbar. Wir sehen, dass es recht zahlreiche Interessierte gibt und hätten die Wohnung schon per sofort zum angegebenen Mindestpreis verkaufen können, aber das ist für uns der falsche Weg. Da die Wohnung das Grundkapital für die restlichen Jahre unseres Lebens bildet, verkaufen wir dem Markt in Zug entsprechend im Bieterverfahren und hoffen natürlich auf hohe und gute Gebote. Bis Ende August bleibt uns eine ruhige Zeit, danach werden wir weitersehen. Wann wir in eine «Notunterkunft» ziehen müssen, wird sich je nach Interessenten und Verhandlungen ergeben. Das Abenteuer aber ist bereits am Laufen, die Spannung steigt.


Unser goldfarbiger Toyota Land Cruiser GRJ 79 Pickup hat seine erste grosse Fahrt - in einem Maersk-Container von Salalah, Oman, über das Mittelmeer, den Atlantik und die Nordsee nach Deutschland - vor ein paar Tagen beendet:

Der Frachter ist in Bremerhavn eingetroffen. Wir konnten seine Fahrt dank eines Code verfolgen, als wäre er ein Postspaket. Welch aufregender Moment, zu sehen, dass unser Fahrzeug nun tatsächlich in der Nähe ist.


In den nächsten Tagen wird der Container zu Extrem Fahrzeuge nach Schwennigen verfrachtet, wo schon die ersten Teile für den Aufbau der Kabine warten. In Zusammenarbeit mit Offroad Accessoires in der Westschweiz wird das Fahrzeug später in die Schweiz überführt, hier vorgeführt und danach, wenn alles seine Ordnung und das Bushbaby seine Geburtsurkunde hat, zurück in Deutschland bei Extrem Fahrzeuge seine Metamorphose beginnen. Bereits steht das Material für den Kabinenaufbau bereit, auch die Kabine wird in Fahrzeugfarbe, einem edlen, goldsandigen, leicht glänzenden Beige sein, das Zelt sich in hellem Grau abheben.


Die letzten Wochen haben uns einige Komplikationen gebracht und zu vielen Überlegungen geführt. Manfred ist wegen eines massiven Bandscheibenvorfalls seit Wochen arbeitsunfähig und ziemlich lahmgelegt. Noch stärker als vorher gewichten wir die Inneneinrichtung und Ausstattung beziehungsweise Funktionalität unserer Wohnkabine, ist es doch keineswegs selbstverständlich, dass alles immer rund läuft. Auch dann muss ein Mindestkomfort und die Transportmöglichkeit einer verletzten Person garantiert sein.


Es sind die eher kleinen, konkreten Dinge, die wir schon ausgewählt haben, die wir vor unserem geistigen Auge sehen können. Anderes liegt noch jenseits unserer Vorstellungskraft, auch deshalb, weil wir noch keine Grundmasse kennen und die Einteilung des Inneren noch recht diffus ist. Die Höhe werden wir so ausschöpfen, dass unser Gefährt in einen high cube Container passt, wenn man etwas Luft aus den Reifen lässt. Damit ist auch garantiert, dass wir bei schlechtem Wetter im Innern aufrecht und relativ komfortabel sitzen und uns aufhalten können. Auch Schlafen im Innern – also nicht im Dachzelt sondern im unteren Teil - soll im Notfall möglich sein. Das alles ist nicht neu. Während wir schon vor einigen Wochen in Schwennigen den Bodenbelag und die Verkleidung der Wände und des Dachs ausgewählt und uns für den Stoff von Zelt und Sonnenstore entschieden haben, sind es Dinge wie Kühlbox (möglichst gross), Batterien (welche Art ist die beste?), die Wasserversorgung (am besten zwei getrennte Systeme, eins für Brauch und eins für Trinkwasser) oder etwa die Toilette (nicht wie geplant ein Chemie- sondern eine Trockentoilette), die uns wirklich beschäftigen. Hier geht es um Masse, Gewichte oder Systeme, die unsere Lebens- und Wohnqualität für Jahre beeinflussen werden und um die richtige Platzierung, so dass hohe Stabilität erreicht und die Sicherheit gewährleistet wird. Noch sehen wir hier aber mehr Fragen als Antworten, wir hoffen, dass sich dies bei unserem nächsten Besuch in Schwennigen klären wird. Dann wird Bushbaby vom umrisshaften Ultraschall-Schatten in Schwarzweiss zu einem sicht- und spürbaren Vorhaben, das sich entwickelt und seinem abenteuerlichen Leben mit uns entgegen geht. Leider sieht es aber für unsere erste Begegnung mit unserem Fahrzeug, die auf Mitte Juni geplant ist, nicht gut aus – Manfred scheint nicht reisefähig und so müssen wir wohl im Moment die Fragen telefonisch klären und so zu Entscheiden kommen.

Wir trösten uns mit virtuellem Reisen auf Overlander-Plattformen über ins Wasser gefallene Ferien (in Italien mit Grosi und Grosskind, Manfreds Fotoferien in Südafrika). Wir schmieden Pläne und informieren uns über alle möglichen und unmöglichen Szenarien. Ohne unsere Pläne wäre die mühsame Zeit mit Manfreds Rücken noch viel schwerer auszuhalte. Die Vorfreude und Spannung auf alles was kommen mag, das Abenteuer der Vorbereitung und das Träumen helfen, Zeit und Schmerzen zu überstehen.

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