Im Tal der Tausend Flusspferde
- Maya von Dach

- 9. Juli
- 9 Min. Lesezeit

Drei Nationalparks: Süd-Luangwa, Luambe und Nord-Luangwa - das Tal des Luangwaflusses ist eigentlich ein einziger Nationalpark, obwohl es auf der Karte etwas anders aussieht. Da nichts umzäunt ist, können die Tiere frei herumwandern und tun das auch. Es ist wohl das wildeste Tal, die abenteuerlichste Strecke, die wir je durchfahren haben. Die Tiersichtungen bei Selbstfahrten in den Parks halten sich in Grenzen, aber die Freiheit ist fast grenzenlos und wir finden tatsächlich die schönsten Ecken. Die Fahrt ist herausfordernd und spannend, sowohl fahrerisch wie auch landschaftlich, obwohl wir für einmal umkehren, weil wir in einer Sackgasse landen. Die Bevölkerung hier ist arm und lebt auf dem Minimum, auch wegen der Wildtiere, die zwar zu etwas Einkommen verhelfen, aber gleichzeitig die Essensgrundlagen zerstören. Die Landschaft verändert sich dauernd, erst jetzt, im Juni, sind gewisse Camps offen, denn die Regenzeit hat hohe Wasserstände im Luangwa mit sich gebracht. Bis im September wird man sogar durch die grössten Flüsse fahren können, weil selbst sie dann (fast) ausgetrocknet sind.
Von Simbabwe nach Sambesi – das typische Szenario
Der Grenzübergang in Kariba verläuft viel besser als gedacht, die Simbabweseite vielleicht eine Viertelstunden, dann geht die Fahrt über den langen Damm, der beiden Ländern zur Gewinnung von Elektrizität dient. Auf den anderen Seite hügelan, bis die Schranke und ein Häuschen mit den Behörden uns erwartet. Sie sind nett und hilfsbereit, berechnen uns, wie viele Tage wir insgesamt und nach Abzug dieses 30-Tage-Visums noch in Sambia bleiben dürfen und Stempeln unsere und Bushbabys Papiere. Zum Dank erhalten sie auf ihre Bitte hin je eine Flasche Wasser. Ja, wir seien fertig, betonen sie, wir könnten weiterfahren. Wir gehen ins Auto, durchforsten unsere Dokumente, was wir noch brauchen und was wir wegwerfen können, als ein Uniformierter zu uns kommt. Mit leiser, aber aggressiver Stimme sagt er uns, wir hätten ihn, die Interpol, ausgelassen und wollten fliehen, er könne uns verhaften und so weiter. Wir gehen mit ihm auf seinen Posten im Hinterteil des Gebäudes und lassen uns dort, nach einiger Diskussion den Stempel auch aufs Durchfahrtsticket Stempeln. Natürlich hätte er mehr als eine Diskussion gewollt, er war ein richtiger machtbesessener aufgeblasener Typ mit Sonnenbrille, die er sich wohl von all dem Schmiergeld, das er sich erpresst, kaufen konnte. Schade, dass ein schlechter Eindruck uns in diesem tollen Land begrüsst.
Vorbereitungen
Wir kaufen im Städtchen Kafue ein, weil wir dort den Laden schon kennen und es dies einfacher macht und uns Zeit sparen lässt. Dann fahren wir um Lusaka herum auf einer nie endenwollenden Rumpelpiste, zum Pioneer Camp. Wir sind allein auf dem riesigen Zeltplatz und geniessen es, vor allem die Licher nachts löschen und so das tolle Buschgefühl, das hier, so nahe an der Hauptstadt herrscht, nutzen zu können. Auch versucht der lokale Elektriker unser Solar wieder in Schwung zu bringen - leider umsonst. Am nächsten Tag geniessen wir noch, im Restaurant verwöhnt zu werden und ausführlichen Austausch mit ‘Doktor Lala’, die in Katete im Spital und in Projekten mit der Bevölkerung gearbeitet hat, was uns sehr inspiriert, denn dort fahren wir am nächsten Tag durch und wollen Schürzen kaufen.

Fahrt nach South Luangwa
Die grosse Strasse nach Osten ist glücklicherweise zwar belebt, aber nicht so verkehrsbelastet wie die grosse Strasse nach Norden, die wir vermeiden. Stellenweise sehr gut, so dass man schnell voran kommt, andernorts voller Schlaglöcher, die höchste Aufmerksamkeit erfordern, fahren wir, immer mit offenen Augen für Fritters zum Frühstück, bis Katete. Hier können wir zwar unsere Schürzen erwerben – in der Hoffnung, dass die Schneiderin, die wir unterstützen wollten, von den durchaus europäischen Preisen auch etwas erhält -, ansonsten buchen wir diese Stadt als Übernachtungsplatz ohne auch nur das Nötigste ab, dafür mit viel Lärm – immerhin nicht lange am Abend - und blendendem Licht. Alles, was wir nicht wirklich mögen, also schnell weiter, zurück zur Natur. Das hübsche Camp, in welchem wir vor Jahren schöne Erinnerungen sammeln, gibt es nicht mehr für Camping, also weichen wir ins Wildlife Camp aus, das wunderschön gelegen ist, sogar ein Restaurant hat, aber auch eher eng und ebenfalls mit viel Licht und Lärm. Wir finden die hinterste Ecke und bleiben dort vier Nächte, an zwei Tagen fahren wir in den Park, wo wir zweimal die Wildhunde finden, sonst aber nicht sehr erfolgreich sind. Die Landschaft mit viel stehenden Gewässern, grünen Ebenen und hohen Bäumen ist wunderschön und die Sonnenuntergänge berauschend. Am meisten sehen wir im Camp: Pukus, Hippos (Flusspferde), Elefanten, Giraffe, Warzenschweine und Kleingetier.
Das Beste ist wild
North Luangwa in einem Tag zu erreichen, wollen und können wir nicht schaffen, also suchen wir in iOverlander einen inoffiziellen Campingplatz. Ein solches Juwel zu finden, war unerwartet, einer der schönsten Plätze auf all unseren Reisen. Eine Landzunge, die bei hohem Wasserstand wohl am Wasser liegt, nun aber von einer weiten Sandebene mit trockenen Flussbetten umgeben ist und wo in grosser Distanz der Luangwa mit all seinen Hippos liegt. Wir richten uns auf dem erhöhten, grasigen Platz über dem Sand ein und bleiben drei Nächte in diesem Paradies. Am Tag ist es wunderschön, wir sehen Elefanten, Giraffen, viele Vögel, Puku-Antilopen und Warzenschweine. In der Nacht werden unsere Nachsichtgeräte endlich richtig genutzt und zeigen uns einen Löwen, einen Serval, Weissschwanzmangusten und im Licht des Geräts lustig gefleckte Milka-Flusspferde. Da man so weit sehen kann ist es auch möglich, spazieren zu gehen. Wir können Arbeit und Genuss verbinden.
North Luangwa
Die rund zehnstündige Fahrt nach North Luangwa führt sowohl durch bewirtschaftetes und bewohntes wie auch durch wildes, unberührtes Gebiet. Hohe Mopaniwälder mit kahlen Grasböden, Weiten hohen Grases, das von der Bevölkerung zum Bauen eingesetzt wird, gemischten Busch und Savanne, immer wieder kommt Neues. Wir entdecken ein paar Zebras, einen Elefanten, sonst nichts. Die Strasse ist sandig oder aus gebackener Erde, dort wo es lange feucht war von harten Elefantenlöchern holprig. Es sind etwa hundertsechzig Kilometer, aber diese fordern uns. Wir durchqueren einige Flussbette, bei denen ersichtlich ist, wie hoch und heftig die Zuflüsse des Luangwa in der Regenzeit strömen, dann einen grossen Fluss, den Luandazi, der breit, aber nicht sehr tief fliesst und wo jemand steht und uns die beste Piste zeigt. Ein Trinkgeld wechselt die Hand, die sichere Durchfahrt ist es uns wert. Auf der Strasse, selbst durch die Parks, trifft man mehr Fahrräder als Autos, Leute, vor allem Frauen, mit Wassereimern oder immensen Holzbündeln, denn Mopani gilt als sehr wertvolles Brennholz und hier wird alles auf Holz gekocht. Immerhin gibt es mittlerweile sehr viele Wasserbrunnen, so dass das kostbare Nass nicht mehr vom Fluss geholt und die Wäsche nicht mehr dort gewaschen werden muss.
Ituba und das Floss in den Park
Der Campingplatz direkt am Luangwa wird von der Dorfgemeinschaft betrieben – sie ist mehr als zwanzig Kilometer entfernt und vier Leute schauen zu ihm. Er wurde dank dem Geld eines Investors frisch renoviert, die vorhandenen festen Zelte sind wunderschön, genau wie die Sanitäranlagen. Leider funktionieren die Durchlauferhitzer nirgends, auch mit den Toiletten haperts, die Ersatzteile seien bestellt, wird uns beschieden. Es scheint niemanden wirklich zu kümmern und genau dieser Punkt ärgert uns masslos. Ja, das ist Afrika. Investoren von irgendwoher, die unterstützen und schützen wollen, dies auf gute Art tun, aber mit sehr kleiner Wirkung. Immer wieder unverständlich. Oberhalb des Zeltplatzes gibt es ein Pontoon über den Fluss, ein Floss auf Fässern, das Fahrzeuge in den Nord Luangwa Park übersetzt. Dort sind die Campingplätze, oder die Strasse dorthin, noch nicht bereit und alle, die wir getroffen haben, die durch den Park bis hierhin gekommen sind, sagen uns, es lohne sich nicht. So beschliessen wir, das Risiko nicht auf uns zu nehmen mit unserem schweren fahrbaren Haus. Wir geniessen die Ruhe, sehen kaum Tiere und treten dann den Rückzug nach Süden an.
Rückweg mit Herausforderungen
Unsere Nachbarn, eine Australierin und ein Spanier, die je alleine unterwegs sind, sich aber gefunden haben, wollen in den Park. Wir nehmen es gemütlich, fahren aber sobald wir so weit sind los. Diesen weg kennen wir ja und wissen, dass alles funktioniert. Wir wechseln uns stündlich ab und kommen gut vorwärts – bis zum grossen Fluss. In zügigem Tempo, schliesslich sind wir letztes Mal problemlos durchgefahren, fährt Manfred ins Wasser. Es hat einige weisse Flaggen bis zum Fluss, doch irgendwann gibt Bushbaby auf und bleibt stehen. Wir sind allein auf weiter Flur, nichts geht mehr. Ein Mann kommt, alarmiert die Dorfbevölkerung und bald sind Kind und Kegel hier. Jeder weiss wie, alle packen an, ausser die Kinder, die im Fluss baden und die Coiffeuse, die vor spannender Kulisse einer anderen Frau die Haare schneidet. Bushbaby gerät beim rechten Vorderrad immer mehr in den Sand, weil dort die Strömung am stärksten ist, es neigt sich immer mehr seitwärts und sieht furchterregend aus, vor allem weil wir keinen Schritt vorwärtskommen und absolut überfordert sind. Dann kommt ein Land Rover und zwar ein bekannter: Frieda (sein Land Rover) und Reinhold haben wir im Western Cape vor langer Zeit schon einmal getroffen, sie haben eine Winde. Doch zuerst müssen wir herausfinden, von wo es am besten funktioniert. Beim Durchwaten des Flusses sehe ich, dass auf der anderen Seite zwei Fahrzeuge stehen. Überraschenderweise sind Victor und Amanda auch hier und wir haben eine zweite Winde. Wir versuchen es mit Amandas Cruiser, doch Bushbaby hat immer noch keine Lust. Erst als wir beide Fahrzeuge mit Winden nutzen und die Dorfbevölkerung, die wir zwischenzeitlich mit ihrem Geplapper, Geschrei, Begrabsche und ‘houayu’ auf den Mond oder ins Pfefferland hätten schicken können, schaukeln Bushbabys Räder soweit frei, dass sie zusammen mit dem Zug freikommen und Manfred sich zuerst in Halbsicherheit, nach einem weiteren Anlauf ganz in Sicherheit bringen kann. Wir sind erschöpft, als hätten wir es alleine erledigt. Zum Dank gibt es beim nächsten Treffen mit Reinhold, der mit Tochter und Freund unterwegs ist, in Richtung Norden fährt. Für die anderen beiden gibt’s immerhin eine Einladung zu Älplermagronen im Community Campsite, der nicht allzu weit entfernt liegt. Hier übernachten wir neben den Lehmhütten der Einheimischen, die uns für einige Zeit umrunden und das Spektakel, wieder einmal Fremde zu bewirten, geniessen. Unser WC ist ein Loch im Boden, Wände und ein Dach aus Gras darüber. Wir benutzen es nicht, sondern fahren am morgen früh wieder los und gehen dort ins offene Feld.
Gemischte Gefühle
Auf der Weiterfahrt kommen wir wieder durch einige Siedlungen. Überall ist es sauber und geordnet, wenn auch sehr ärmlich. Noch nirgends haben wir so viele Kinder mit aufgeblähten Bäuchen gesehen, in ausgewaschenen Kleidern, deren Grundfarbe nicht mehr ersichtlich ist. Einige betteln, andere winken, ab und zu gibt es auch richtig herzliches Lächeln. Schwere Lasten werden auf dem Kopf oder dem Fahrrad geschleppt, es gibt unzählige Kinder, jede Familie scheint ihr eigenes Stück Land zu bewirtschaften, wir sehen trockene Maisstauden, Baumwolle, Kohl, Tomaten und Hühner mit Küken. Ziegen, Esel oder anderes Vieh kann wohl hier gar nicht leben wegen der lästigen und Krankheiten übertragenden Tsetse-Fliegen. Die Maisfelder werden regelmässig von Elefanten heimgesucht, die nicht wissen, was mein und was dein ist. Unser Campwart erzählt, mit Elefanten hätten sie immer wieder Probleme, sie seien auch mit Steinen beworfen worden und deshalb aggressiv, doch nun gebe es Chilly-Bomben - Elefanten hassen Chilly - und Gewehre mit weichen Kugeln. Mit Löwen und Hyänen hätten sie dagegen keine Konflikte. Wir fühlen uns so unsäglich reich, wissen aber, dass wir die Welt hier nicht ändern können. Schon der Betrag, den wir der Dorfbevölkerung in die Hände drücken, gibt zu Diskussionen Anlass – für uns war er es Wert. Die Hoffnung, dass er nicht einfach versoffen und verprasst wurde, sondern zu etwas Sinnvollem dienen konnte, stirbt zuletzt.
Plötzlich grosse Entscheidungen
Irgendwie stecken wir nicht nur in Bezug auf Routen in einer Sackgasse. Unsere Route war und ist eigentlich klar, nächstens nach Malawi, was Manfred sich schon lange gewünscht hat, dann nach Mosambik und auf September zurück in den Sabiepark. Nun aber leidet Manfred unter schlimmen Schulterschmerzen, einer Frozen Shoulder wohl. Wir müssen uns entscheiden, was wir am besten tun und haben einige Möglichkeiten auf dem Tisch. Wir wählen die Verwöhn-Variante und buchen uns für vier Nächte ein Chalet in der Msandile River Lodge. Davor ist jeder Tag und jede Nacht an unserem Wildcamp ein Erlebnis, die Tage verbringen wir meist einfach vor Ort und geniessen all die tierischen Besucher, die Nächte – okay, es sind eigentlich Vorabende, denn um halb sechs Uhr ist es dunkel und am meisten ist bis etwa acht Uhr los, danach wird es ruhiger und zu kühl zum Draussensitzen, also ist Zeit fürs Daunenduvet, wo wir den Geräuschen der zahllosen Tiere lauschen und dabei den Löwen, den Leopard, die Hyänen und die Hippos sehr nahe oder sogar direkt vor der Haustüre, also Bushbaby hören. Die Abende sind die Tageshöhepunkte, denn mit unseren Nachtfeldstechern sehen wir, was sonst wortwörtlich im Dunkeln bleibt und können jeden Abend staunen, wenn wir die Parade der Flusspferde ins Grasland sehen, den Leoparden beim Herumschleichen beobachten können, oder die Hyänen an ihrem speziellen Gang ausmachen. Es ist tatsächlich ein Ohren- und Augenschmaus hier und wir werden immer von diesem Platz träumen.
Safari-Zeit
Schliesslich fahren wir, nicht ganz auf geradem Weg, sondern fälschlicherweise durch einige Dörfer, zur Lodge am Ausfluss des Msandile-Flusses in den Luangwa. Hier erleben wir einige Überraschungen, etwa, dass die täglich zwei Ausfahrten immer in den Hauptteil des Parks geht, wofür man mit einem kleinen Schiff über den Luangwa setzt und danach in die Safari-Fahrzeuge steigt. So beginnt die Fahrt schnell, abenteuerlich – insbesondere, wenn Elefanten gleichzeitig den Fluss überqueren oder neugierige Flusspferde die Köpfe hochrecken – und vermeidet Zeitverlust durch Fahrten und am Gate. Wir werden wie Stopfgänse bewirtet und wie Könige umsorgt, vom Weckruf, über die Fahrten, zumeist allein auf dem Wagen, bis zur Wärmeflasche im Bett. Wir sehen unerwartet viel, von Löwenbabys über Leoparden, Wildhunde und die seltene Pels’s Fischereule. Wir geniessen es extrem und die vier Nächte hier sind gerade richtig. Ein wunderschönes Geburtstagsgeschenk, danke Manfred!
Ausklang und Aufbruch nach Malawi
Wir legen unser Programm so fest, dass wir bestimmt rechtzeitig über die Grenze kommen, bevor unser Visum ausläuft, was uns noch einmal zwei Nächte in unserem Wildcamp schenkt, die wir genauso geniessen, wie davor die Lodge. Dann brechen wir aus dem Luangwatal auf und fahren zurück in den Süden, nach Chipata. In dieser lebhaften Stadt kaufen wir ein, tanken, füllen den Wassertank, wechseln auf dem Schwarzmarkt erste Malawikwatsch, so dass wir gut gerüstet über die Grenze nach Malawi können, wo wir uns auf die nächste rund einen Monat lange Etappe einrichten.































































































Abenteuer pur! Herausforderungen, bei denen ihr auf eure Erfahrungen zurückgreifen könnt. Vielen Dank für den spannenden Bericht.
Herzliche Grüsse aus dem ebenfalls heissen Tessin
Arthur
Faszinierend, was ihr erlebt! Ich danke euch für den Einblick, Urs
Danke Maya und Manfred, immer wieder spannend die Geschichten zu lesen und Bilder zu bestaunen. LG Antonia und Michi